Lisa Sommerfeldt:
DOGMA

Das Theater muss sich wieder auf das besinnen, was es einzigartig macht. Es ist ein lebendiger Organismus aus Spielern und Zuschauern. Es atmet, verdaut, stinkt, spuckt, träumt, schnarcht und schwitzt. Es ist nicht zensiert, gecuttet oder manipuliert, es ist real. Es ist kein Fake. Es ist nicht Wissenschaft, es ist Kunst. Das Theater sollte nicht zum blutleeren Imitat von Roman, Film, Universität und Zeitungsfeuilleton verkommen, zur essayistischen Dozierstätte der papiernen Gelehrsamkeit und der Hybris. Es soll dem Publikum wieder zutrauen und zumuten, selbst zu denken, anstatt es zu belehren. Es muss visionär sein und bescheiden, ehrlich und verletzlich, nackt und bloß. Nicht pädagogisch, sondern vielmehr diskursiv, auslotend, ein magischer Bezugspunkt auf Wahrheiten, ein Ort des Zaubers, der absurden Komik, der Übertreibung, des Zweifels, der Augenhöhe, der Empathie, der Utopie, der Provokation, der Anarchie. Ein Ort der Sprache. Theater als Denkfabrik, als Ort der kollektiven, aber privaten emotionalen Reflexion, der multiplen Wahrheiten aller Beteiligten im Publikum und auf der Bühne.
Unsere komplexe Gesellschaft manifestiert sich nicht in Chören, sondern in Figuren. In fehlbaren, tragikomischen Individuen, in denen man sich wiedererkennt, die an ihrer eigenen Wahrheit wachsen und sich zerstören. Outster statt Hipster. Theaterfiguren, die sich offenbaren und deren Leben und Sterben berührt und deshalb Relevanz hat. Dieses Theater befördert den Diskurs durch Geschichten, Schicksale, durch das beispielhaft Konkrete. Die Stücke sind dialogisch direkt, sie halten die Geschichten nicht durch erzählerische Prosaformen komfortabel auf Abstand. Sie gehen nah, weil sie hinschauen, weil sie ehrlich sind, sie sind unbequem, weil sie keine Kompromisse machen, sie sind die Axt für das gefrorene Meer der abgestumpften Gesellschaft. Und dieses Theater kann in all dem Grauen der globalisierten Welt, im Verlust des sicher Geglaubten, im sich rückwärts drehenden Rad der Zeit, in all dem Zwiespalt: einen Funken Freiheit finden, eine Hoffnung vielleicht, eine Schöpfung im Untergang, ein Skelett von Liebe. Es ist kein Theater des Konsens, es geht neue Wege. Es absorbiert die Errungenschaften des Postdramatischen, erfindet neue Formen und integriert sie in ein zukünftiges dramatisches Theater. Diese Stücke sind nicht glatt, sie sind rauh. Es ist Zeit für theatrale Uncoolness, für das Theater der Peinlichkeit, der Unhipness, der Verlierer in uns, der unfreiwilligen Komik, der unangenehmen Wahrheit, der emotionalen Blöße, das Theater des Trash, des Punk, der Sterblichen. Die Ära nicht der well-made, die Ära der dirty-made plays.

© by Lisa Sommerfeldt 2018