Innere Sicherheit: Autorengespräch (Theater der Stadt Aalen)

Lisa Sommerfeldt, 8. Mai 2020 (Wing Suit):
Am Anfang war Corona ein fast apokalyptisches Gefühl. Eine unsichtbare Gefahr, unerforscht, schwierig einzuschätzen. Die Kinder zu Hause. Lockdown. Seltsam und schön, sich auf das Wesentliche zu reduzieren. Dann Berichte von Hirschen, die durch Vororte von Paris flanieren. Das Foto eines Pumas, der durch das menschenleere Santiago de Chile streift. Kaum Flugzeuge am Himmel. Mehr Fahrräder als Autos auf den Straßen. Irritation des Kapitalismus: Unproduktivität, Häuslichkeit, Entschleunigung als neue Tugend. Der Blick in eine utopische, aber mögliche Zukunft. Diese Pandemie gibt uns ein Gefühl von Gleichheit, denn sie betrifft uns alle. Sie wirft uns auf unser Menschsein zurück. Und wie im Brennglas lenkt sie den Blick auf die Ungerechtigkeit im bestehenden System. Auf die schlechte Bezahlung der Menschen, die die Gesellschaft am meisten braucht. Und auf den Gender Pay Gap, der mit dem aufgestockten Kurzarbeitergeld vergleichbar ist. Dennoch ist es ein Privileg, diese Krise in Deutschland zu erleben. Gut informiert, in einer stabilen Demokratie, haben wir ein hohes Maß an innerer Sicherheit. Es ist aber eine nationale, nicht einmal europäische Sicherheit. Wenn ich meinem Sohn nach dem Zoom-Meeting seine geschnittenen Äpfelchen bringe, denke ich an die Kinder in Moria. Und daran, wie leicht es wäre, ihnen zu helfen.

©by Lisa Sommerfeldt