Der 22. Oktober 1940 ist einer der schwärzesten Tage in der Geschichte Badens, der Pfalz und des Saarlandes: In den frühen Morgenstunden wurden beinahe alle Jüdinnen und Juden verhaftet. So auch in Bruchsal. Sie wurden durch die Stadt zum Bahnhof getrieben und von dort in das Internierungslager Gurs deportiert. Das Ereignis wurde in einem noch heute erhaltenen NS-Propagandafilm mit dem Titel „Bruchsal judenfrei! Die letzten Juden verlassen Bruchsal“ festgehalten. Darin ist unter vielen Menschen ein Mädchen mit einem Koffer zu sehen, der wie eine Hutschachtel aussieht. Wer ist dieses Mädchen?
Basierend auf Interviews, Tagebüchern, Gerichtsakten und erhaltenen Briefen wirft „Mädchen mit Hutschachtel“ ebenso faktische wie poetisch verdichtete Schlaglichter auf das Schicksal von Edith Leuchter, einer der letzten lebenden Zeitzeuginnen des Holocaust.

Vielen Dank an: Edith Leuchter, Kurt Leuchter, Deborah Stueber, Julie Thum, Petra Jenni, Carsten Ramm, Ronit Shimoni, Marianne Hilgers, Rolf Schmitt und Florian Jung.
Foto: Edith mit ihrem Bruder Heinz © Leuchter/Loeb

Rezensionen:
„Mädchen mit der Hutschachtel“ ist eine eindrückliche Inszenierung geworden, die nicht mit Betroffenheiten agiert, sondern auffordert, Haltung zu beziehen. Lisa Sommerfeldt ist dabei ein Stück gelungen, das trotz oder wegen seines engen regionalen Bezugs auch anderswo nachspielbar ist: eine solche Geschichte hat sich 1940 nicht nur in Bruchsal ereignet. Dass diese Regionalität überwunden werden kann, resultiert auch daraus, dass die Autorin mit Leitmotiven arbeitet, wie den Bezug auf das Schneewittchen-Märchen. Der Ausruf: „Der Mond über Manhattan, der Mond über Gurs, der Mond über Bruchsal, der Mond über Auschwitz“ gliedert die Handlung, die mit der Frage abschließt: „Do you like to talk to Holocaust survivers?“ Manfred Jahnke, „Die deutsche Bühne“, 14.10.2022

„Es ist der Wechsel der Perspektiven und Einstellungen, der die ansonsten minimalistisch gehaltene Inszenierung und mit ihr die Lebensgeschichte von Edith Leuchter lebendig werden und eine aufwendige Quellenarbeit erahnen lässt. Die einzige Konstante in der Erzählung, die von den 1930er Jahren bis in die Gegenwart reicht: Edith Leuchter im himmelblauen Kleidchen, ausdrucksstark gespielt von Hannah Ostermeier, während Frederik Kienle, Magdalena Suckow und Kim Vanessa Földing in wechselnden Rollen an ihrer Seite stehen, mal in intimer Vertrautheit als Familienmitglieder, mal als nüchtern-distanzierte Erzähler.“ David Heger, Bruchsaler Rundschau 2022