Der 22. Oktober 1940 ist einer der schwärzesten Tage in der Geschichte Badens, der Pfalz und des Saarlandes: In den frühen Morgenstunden wurden beinahe alle Jüdinnen und Juden verhaftet. So auch in Bruchsal. Sie wurden durch die Stadt zum Bahnhof getrieben und von dort in das Internierungslager Gurs deportiert. Das Ereignis wurde in einem noch heute erhaltenen NS-Propagandafilm mit dem Titel „Bruchsal judenfrei! Die letzten Juden verlassen Bruchsal“ festgehalten. Darin ist unter vielen Menschen ein Mädchen mit einem Koffer zu sehen, der wie eine Hutschachtel aussieht. Wer ist dieses Mädchen?
Basierend auf Interviews, Tagebüchern, Gerichtsakten und erhaltenen Briefen wirft „Mädchen mit Hutschachtel“ ebenso faktische wie poetisch verdichtete Schlaglichter auf das Schicksal von Edith Leuchter, einer der letzten lebenden Zeitzeuginnen des Holocaust. Dabei fokussiert sich das Stück auch auf die Zeit nach 1945, die sogenannte „Wiedergutmachung“ und das transgenerationale Trauma der Familie. 

  • Schauspiel
  • 3 D 1 H
  • Girl with Hatbox, Übersetzung ins Amerikanische von Jared Sonnicksen 2022
  • Auftragsarbeit für die Badische Landesbühne
  • Uraufführung am 13. Oktober 2022, Regie und Dramaturgie: Petra Jenni. Die Inszenierung gastierte bei den Baden-Württembergischen Theatertagen am Theater Aalen im Mai 2023.
  • Gefördert durch die Bildungsstiftung Bruchsal
  • „100 Stücke“-Förderung, Deutscher Literaturfonds
  • Historisches Filmdokument
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Vielen Dank an: Edith Leuchter, Kurt Leuchter, Deborah Stueber, Julie Thum, Petra Jenni, Carsten Ramm, Ronit Shimoni, Marianne Hilgers, Rolf Schmitt und Florian Jung.
Foto: Edith mit ihrem Bruder Heinz © Leuchter/Loeb

Rezensionen:
„Mädchen mit der Hutschachtel“ ist eine eindrückliche Inszenierung geworden, die nicht mit Betroffenheiten agiert, sondern auffordert, Haltung zu beziehen. Lisa Sommerfeldt ist dabei ein Stück gelungen, das trotz oder wegen seines engen regionalen Bezugs auch anderswo nachspielbar ist: eine solche Geschichte hat sich 1940 nicht nur in Bruchsal ereignet. Dass diese Regionalität überwunden werden kann, resultiert auch daraus, dass die Autorin mit Leitmotiven arbeitet, wie den Bezug auf das Schneewittchen-Märchen. Der Ausruf: „Der Mond über Manhattan, der Mond über Gurs, der Mond über Bruchsal, der Mond über Auschwitz“ gliedert die Handlung, die mit der Frage abschließt: „Do you like to talk to Holocaust survivers?“ Manfred Jahnke, „Die deutsche Bühne“, 14.10.2022

„Basierend auf Interviews und Gesprächen mit Zeitzeugen sowie auf der Arbeit in Archiven ist der Autorin ein lyrischer, emotionaler Text geglückt, der die Erfahrung des Holocausts berührend zeigt. Die Regisseurin und Dramaturgin Petra Jenni verdichtet die dokumentarischen Bilder zu einem Schauspielertheater, das unter die Haut geht. (…) Der Spagat zwischen Dokumentartheater und der fesselnden Geschichte der Familie Leuchter gelingt der Autorin virtuos. Der studierten Schauspielerin gelingt es, die Geschichte der Menschen, die sie in Filmen und auf Fotos entdeckt hat, lebendig und klug in Szene zu setzen.“ Elisabeth Maier, Theater der Zeit 09/23

„Es ist der Wechsel der Perspektiven und Einstellungen, der die ansonsten minimalistisch gehaltene Inszenierung und mit ihr die Lebensgeschichte von Edith Leuchter lebendig werden und eine aufwendige Quellenarbeit erahnen lässt. Die einzige Konstante in der Erzählung, die von den 1930er Jahren bis in die Gegenwart reicht: Edith Leuchter im himmelblauen Kleidchen, ausdrucksstark gespielt von Hannah Ostermeier, während Frederik Kienle, Magdalena Suckow und Kim Vanessa Földing in wechselnden Rollen an ihrer Seite stehen, mal in intimer Vertrautheit als Familienmitglieder, mal als nüchtern-distanzierte Erzähler.“ David Heger, Bruchsaler Rundschau 2022

„Was Sommerfeldt dann in ihrem Stück entwickelt, geht weit über eine lokale und eine subjektive Gebundenheit hinaus. (…) In einer raffinierten Mischung aus fiktiven und dokumentarischen Elementen — wobei letztere überwiegen — erzählt sie von einer ganzen Familie (…) Es sind die kleinen Begebenheiten, die den Atem des Publikums stocken lassen. Etwa, wenn Edith endlich New York erreicht, dort einen fremd gewordenen Mann „Papa“ nennen soll, später begreifen muss, dass sie nie mehr das Wort „Mama“ aussprechen kann. Oder die einen jeden Deutschen beschämende Geschichte der lächerlichen Wiedergutmachung in der Adenauer–Republik: Allein schon die Fakten, die Sommerfeldt verarbeitet, haben hohes emotionales Potenzial. Ästhetisch zieht sie ganz feine konzeptionelle Linien mit leitmotivischen Themen: Da spielt der Mond eine entscheidende Rolle, oder die in der Sonne glitzernden Gleise — ein starker Text.“ Manfred Jahnke, Aalener Nachrichten, 23.5.2023

„“Mädchen mit Hutschachtel“ überzeugt als klar erzählte Zeitgeschichte und berührt und beklemmt mit einfachen Mitteln. Das Stück schafft Bilder und Szenen, die lange nachwirken.“ Dagmar Oltersdorf, Schwäbische Post, 24.5.2023