Meret und Lorenz wollen früh Eltern werden und sich die Verantwortung für die Familie fair teilen. Doch bereits mit der Geburt ihres ersten Kindes beginnen die progressiven Ideale der beiden an der harten Realität zu bröckeln. Mit der Zeit wächst die Familie auf vier Kinder an und die traditionelle Rollenfalle schnappt zu. Um das familiäre Überleben zu sichern, gibt Meret ihren Beruf vorerst auf und ertrinkt in der unsichtbaren und unbezahlten Care-Arbeit eines großen Haushalts. Lorenz arbeitet derweil Tag und Nacht, um den Kredit für das Haus abzubezahlen und entfremdet sich von der Familie. Unter der massiven Überforderung bricht das Konstrukt schließlich zusammen und Lorenz initiiert die Trennung.
Für Meret offenbart sich nun ein existenzieller Albtraum: plötzlich steht sie als Frau, die jahrelang beruflich für die Familie zurückgesteckt hat, vor dem Nichts und der drohenden Altersarmut. Auch Ämter bieten ihr keine Unterstützung beim Kindesunterhalt. Da sie sich bezahlbaren Wohnraum mit vier Kindern nicht leisten kann und ihr Ex-Mann die finanzielle Solidarität verweigert, sitzt sie in einer ausweglosen strukturellen Falle. In die Enge getrieben, fasst Meret am Ende eine radikale, gesellschaftlich tabuisierte Entscheidung.

Lisa Sommerfeldts packendes Stück ist eine schmerzhaft präzise und hochaktuelle Abrechnung mit dem Mythos der Vereinbarkeit. Es beschäfigt sich mit den Auswirkungen der Gesetzesänderungen zum Unterhaltsrecht, die 2008 in Kraft traten und der Nichtzuständigkeit der Jugendämter bei Unterhaltszahlungen im Woche/Woche-Modell. Gehen Lernen seziert den Pseudo-Feminismus dieser modernen Gesetze und zeigt auf eindringliche Weise, wie schnell Mütter noch immer in die Armutsfalle rutschen, wenn das Projekt Familie scheitert. 

  • Auftragshörspiel, WDR 2026, Redaktion: Elena Zieser und Felicitas Arnold,
    Dramaturgie: Elena Zieser,
    Regie: Hannah Georgi
  • Ursendung am 10. Mai 2026
  • gefördert durch ein Stipendium der Kunststiftung NRW
  • S. Fischer Theater Verlag, die Theaterfassung ist frei zur UA
  • 6D, 3H (Doppelbesetzung möglich)
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REZENSIONEN:
„Stück für Stück reißt Sommerfeldt dieses Ideal ein. Das mit der Gleichberechtigung klappt eben nicht. Aus strukturellen Gründen, aus pragmatischen Gründen, aus individuellen Gründen. (…) „Gehen lernen“ ist keine Anklageschrift. Weder die Gesellschaft noch die Politik, auch nicht die Figuren selbst werden als Schuldige dafür benannt, dass hier eine Familie in eine Misere hineinschlittert.(…) Denn die Dinge passieren mit einer gewissen Zwangsläufigkeit. (…) im Grunde ist es nur unter sehr speziellen Voraussetzungen möglich, eine größere Familie zu gründen, ohne sich einem immensen wirtschaftlichen und sozialen Risiko auszusetzen. Das Hörspiel endet mit einer sehr radikalen Entscheidung.“ Stefan Fischer, Süddeutsche Zeitung, 8. Mai 2026
Link zur Süddeutschen Zeitung

„Lisa Sommerfeldt erzählt in „Gehen lernen“ vom Preis moderner Familienmodelle unter vormodernen Bedingungen: Wenn Care-Arbeit zum Armutsrisiko wird und das Familienrecht an Grenzen stößt, entfalten gesellschaftliche Strukturen schmerzhafte Konsequenzen. (…) Die Zeiten des Ehegattenunterhalts sind seit 2008 Geschichte, der Spruch „Einmal Zahnarztgattin, immer Zahnarztgattin!“ gilt nicht mehr. Durch die Gesetzesänderung sollten besonders für Frauen Anreize geschaffen werden, wieder zu arbeiten – „ein pseudofeministischer Akt“, so Sommerfeldt. Denn die Strukturen wurden nicht so angepasst, dass Frauen auch wieder arbeiten können.“ Jochen Meißner, Hörspielkritik

„Nach Motiven ihres gerade erschienenen Romans „schlaglichter“ zeigt Lisa Sommerfeldt, wie unfair das deutsche System immer noch zu geschiedenen, alleinerziehenden Müttern ist. Nach dem Verkauf des Hauses steht sie praktisch auf der Straße, denn eine Mutter mit vier Kindern nehmen Vermieter im Zweifelsfall eher nicht. Die Altersarmut und der Abstieg ins Prekariat sind bereits vorprogrammiert, die finanzielle Unterstützung von Lorenz reicht hinten und vorne nicht. Der hingegen steht gutsituiert als Alleinverdiener, mit Anwalt abgesichert und mit neuer Freundin auf der Sonnenseite des Lebens.“ Patrick Linke, Buch und Bühne